Adel vs. edel.
Coelho, Paulo: Der Dämon und Fräulein Prym. Zürich 2007.
Schönburg, Alexander von: In bester Gesellschaft. Reinbek 2008.
Jenseits der Preisklasse Flohmarkt und Ausleihexemplar gönne ich mir ab und an einen Luxuskauf in einer Buchhandlung. Diesmal hat es Alexander von Schönburgs gesammelte Schampus und Kaviar Geschichten erwischt. Ich breche für 8,90 Euro auf in die Welt der Reichen und daher Schönbleibenden. Gekauft aus plumper Sensationslust und dem sicheren Gefühl, meine bauernadligen Vorurteile gegen alles was reicher und schöner als ich es bin bestätigt zu sehen, hat sich die versprochene Ironie während aller Events und Partys vermutlich mit der Stallmagd aus dem Staub gemacht. Oder sie war zu dezent und mein Bauernhumor hat sie nicht wahrgenommen. Doch er ist ein so nonchalanter Begleiter, ich ziehe in seinem Glanz weiter von Yacht zu Yacht, von von Thurn und Taxis zu Tranche vom Kobe-Rind an Erbsenmousse und Trüffeljus. Doch dank Gala und Bunte bin ich doch meist bestens über viele von Alex‘ Anekdötchen informiert. Ich ziehe von Penthouse zu Penthouse und irgendwann sagt Alex immer: „Ich würde jetzt gern weitererzählen, aber ich darf nicht, sonst bekomme ich gesellschaftlich nie wieder Grundbesitz unter den Füßen.“ Daher stellt sich irgendwann klassenbewusste Informationsignoranz ein und ich will nach Hause. Vorher verrät mein adliger Galan noch die gesellschaftliche Weltformel: Man muss gewichtige Themen mit leichten Anekdoten totkonversieren. Gelingt hervorragend – nach 235 Seiten Partyhopping bin ich daher angenehm enttäuscht. Sehr hübsch fand ich jedoch die Interpretation der Werke Paolo Coelhos, sinnigerweise vorgetragen von einem Schönheitschirurgen: „Sie sind seicht“. Kann man bedenkenlos unterschreiben. Vor einem halben Jahr habe ich mich durch die geliehenen 208 Seiten gequält und diese Buchstabenmelasse fast rezensionslos verdrängt. Doch dank Alex bin ich mir sicher: Der edle Dürrenmatt-Epigone Coelho ist ein Autor, der Märchen für all die Mädchen schreibt, die sich das Schönbleiben nicht leisten können und daher fest daran glauben müssen, dass Reichtum allein nicht glücklich macht.
Jugendwahn.
Krausser, Helmut: Könige über dem Ozean. München 1989.
Strunk, Heinz: Fleisch ist mein Gemüse. Reinbeck 2004.
Zeh, Juli: Spieltrieb. Frankfurt/Main 2006.
Mit Entsetzen stelle ich fest, dass meine Jugend sich mir entrückt. Noch nicht einmal äußerlich – man fragt mich im Supermarkt meines Vertrauens noch immer beim Weinkauf nach meinem Personalausweis. Doch innerlich reizt es mich mehr und mehr, Dreizehnjährigen das Rituallärmen in öffentlichen Verkehrsmitteln zu untersagen oder jungen Germanistik-Bacheloreusen von Hartz IV und Dauerpraktika zu erzählen. Um mir meine eigene Jugend noch ein wenig zu bewahren, habe ich zu der anderer gegriffen. Dabei ist mir mein guter Kumpel Helmut Krausser begegnet. Diesmal stellt er vor: einen trostlosen Backgammonspieler, einen krebskranken Schwulen und eine nymphomanische Künstlerin. Wir rasen jugendlich beschwingt in den Süden und nach 187 Seiten ist einer tot. Ich habe den Roman nicht verstanden, ich konnte nicht. Vielleicht weil ich zu wenig trostlos, krebskrank, nymphoman bin. Daher suchte ich Rat bei Heinz Strunk. Er war mir ein besserer Freund und erzählte mir von Tanzkapellen, Schützenfesten, Akne conglobata, dem Mercur Disk 2 und anderen Geheimnissen des Lebens. Nicht eine der 256 Seiten möchte ich in meiner Vita wissen, denn für die schaurig schöne Lebenspoesie eines weiteren trostlosen Spielers bin ich nicht geboren. Ich fragte Juli Zeh um Rat und – Gott weiß! – ich suche sehr nach Jugend, wenn ich sie dazu befrage. Sie antwortete mir sehr ausführlich auf 568 Seiten. Sie stellt mir Ada und Alev vor, doch die beiden sind weder genial noch interessant. Doch ihre Geschichte hat hübsche, wahre Momente. Einige davon kenne ich. Und lächle mit milder, wissender Arroganz darüber. Ist das die Weisheit des Alterns?
Frau 3.3
Tremel-Eggert, Kuni: Sanna Spitzenpfeil. Roman. München 1936.
Tremel-Eggert, Kuni: Barb. Der Roman einer deutschen Frau. München 1936.
Gender-Studies mal anders: Was sagt eigentlich eine treudeutsche Schriftstellerin wie Kuni Tremel-Eggert zur Emanzipation der Frau? Deutsche Küche, Deutsche Kirche, Deutsche Kinder für den Führer? Was erwartet den Leser, wenn die Autorin noch 50 Jahre nach ihrem Tod einen Krieg zwischen ihrer fränkischen Heimat Burgkunstadt und der medialen Welt provozieren kann? Ich bin überrascht über ein fast modernes Frauenbild, in dem selbst Scheidung und Abtreibung als persönliche Entscheidungsfreiheit proklamiert werden. Klar, die Heldinnen der Romane entscheiden anders: Sanna zwingt sich zur Ehe, in der 262 Seiten lang mit jeder Vergewaltigung proportional die Anzahl der Kinder und des Hasses in der Familie wächst. Und auch Barb verlässt auf Seite 304 die Praxis des namenlosen Doktors in dem Zustand, in dem sie sich dorthin begab und bereut auch auf den kommenden 110 Seiten nichts. Die Entscheidung bleibt konservativ – liberale Ideen werden als Option zuvor aber ins Gespräch gebracht. Großes Drama für einen Euro: Mit Sannas großer Liebe stirbt alles Gute in ihr, der Hass der Eltern bereitet den Tod der Tochter vor. Neutrale Zone für Eins fünfzig: Barb werden mehrere Lebenswelten zur Seite gestellt. Arm, aber um den Aufstieg bemüht: Die Pfennigshäuslerin. Robust und einfallsreich: Die Dotterweich. Dazu drei beste Freundinnen von sinnlich über dümmlich hin zu reichlich. Letzteres beendet die Bankenkrise anno 1929. Große Milieustudien, ein wenig Küchenpsychologie. Aber dennoch überraschend modern. Vom Fahnennähen in 1914 und 1933 mal abgesehen. Das zu würdigen überlasse ich dann doch der fränkischen Provinz.
Nachtrag im Mai 2009: Ich stehe vor einem Dilemma. Einerseits bin ich auf Forschungsliteratur gestoßen, die meine Interpretation möglicherweise als zu unreflektiert abstraft. Andererseits denke ich mir: Hier schreibe ich, ich kann nicht anders! Daher das Angebot an alle Leser: nehmt einstweilen dies und wartet auf meine Promotion zum Thema – auf dass endlich mal Tageslicht ins braune Zeitalter kommt.
Magmafilm vs. Kulturgeschichte.
Haarbeck, L.: Pfarrtöchterlein Gretel. Eine Geschichte für junge Mädchen. Konstanz XXXX.
Glaß, Luise: Gustel Wildfang. Stuttgart 1920.
Gemessen an allen unerzogenen Justins und Amelie-Leonies unserer Plattenbauten und Altbauwohnungen, sind Pfarrtöchterlein Gretel und ihr Backfisch-Pendant Gustel Wildfang wahre, brave Engel. Gretel ist zwar arbeitsabweisend und versucht aus lauter Eifersucht die verloren geglaubte Tochter ihrer Adoptiveltern umzubringen, aber – so sind Kinder eben. Am Ende wird in 180 Seiten aus ihr nach den Gesetzen der Kinderbuchtheorie des 19. Jahrhunderts ohnehin ein gutes Kind. Genauso vorhersehbar, wie aus dem wilden Backfisch Gustel, die auch mal ihre Pensionatskameradinnen der geheimen Näscherei anklagt, nach gut 324 Seiten aber ein liebes und gehorsames Eheweibchen wird. Aber ich will auch gar nicht über Werte meckern, denn das wahrhaft interessante bei solchen Schmökern ist immer die kulturgeschichtliche Komponente. Pensionate und was dort passierte kennt man heute nur noch aus den namhaften Produktionen von Magmafilm, Puaka- oder Muschivideo, die in den Ü18-Abteilungen der lokalen Videothek ihrer vitalen Kundschaft harren. Gestopft wird nach deren Lehrplan alles, nur nicht Strümpfe und sowohl Schüler als auch die Lehrkörper nehmen darin deutlich andere Stellungen ein als die Helden der keuschen Kränzchenkladden. Nicht nur der unglaublich günstige Flohmarktspreis von insgesamt 3,50 Euro rechtfertigt also das Anschaffen der zwei zierlichen Bändchen, die man Montagmorgen nicht mal zurück zum Verleih bringen muss.
Heiss mit Reis.
Mutzenbacher, Josephie: Joesphine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wiener Dirne von ihr selbst erzählt. St. Gallen 2006.
Tresmin-Trémolières: Yoshiwara. Die Liebesstadt der Japaner. Berlin 1920.
Wie jede ausgewählte Bibliothek verfügt auch die meine über ein kleines Giftschränkchen. Nicht alles darin ist schädlich, es kommt wie immer auf die Dosis an. In diesem Falle habe ich dort gleich zwei Werke eingelagert, eins unkeuscher als das andere. Zur gut 100 Jahre alten Mutzenbacherin muss man wenig sagen: Zwischen frivoler Stimmung und trüber Sozialkritik kuschelt sich das kleine Alpenluder abends neben dich ins Bett. Es bleiben ganze 300 Seiten voller Bett-, Tisch- und Kelleraufgangsakrobatik, dann verabschiedet sich der verbalerotische Escort-Service. Allerdings zum hemmungslos günstigen Preis von 4,50 Euro – und das noch jungfräulich. Etwas exotischer wird es dann mit dem (selbsternannten?) Dr. Tresmin-Trémolières, der sich durch die Futons der der Tokyoter Freudenstadt Yoshiwara schläft – nicht aber, ohne die feinen Abgrenzungen Geisha, Prostituierte und Kurtisane zu verstehen. Das interkulturelle Betthupferl bleibt wider Erwarten ganz schüchtern und versteckt seine Reize hinter zahmen Andeutungen und einem feinen Fächer. Am nächsten Morgen und 286 Seiten später weiss man mehr über Aberglaube, Bauart von Teehäusern und Begräbnis der Damen als über das eigentliche Gewerbe. So schickst du das leicht ergraute Büchlein denn mit 3 Euro zurück auf die Strasse, drehst dich nochmal im Bett herum und freust dich, endlich mal wieder allein darin zu liegen.
Die Schwedenbibel.
Lagerlöf, Selma: Gösta Berling. Roman. Müchen 1997.
Ach ihr lieben Leser, ein hübscher Straßenbahnvertreib war mir Gösta Berling, Held des gleichnamigen (National-)Epos aus dem Halbhohen Norden. Seine Geschichte ist die einer Landschaft – des schwedischen Värmlands um 1820: ein abgesetzter Pfarrer, der mit seinen zwölf Kavalierskumpanen mithilfe des einen Bösen erst seine Gönnerin aus dem Hause jagt und anschließend dieses herunterwirtschaftet, nach vielen Abenteuern dann zum Retter der Armen wird. Ein Buch voller Melancholie, Parodie, Gewalt, Liebe und einer geradezu fragwürdigen Ironie: „War das Ironie? Wirklich? Ich denke schon.“ Gute Zeiten, schlechte Zeiten in 36 Kapiteln, die in ihrer empathischen Naivität und Prophetie auch problemlos in jede Bibel passen würden. Dazu noch Unmengen an Aberglauben, Sagen- und Feenhaftem – die hinter jedem Baum, in jeder Diele, unter jedem Bett lauern. Eine wenig gradlinige Handlung über vielleicht ein Jahr und einen Tag, viele Episoden, bunt durcheinander und doch wieder durch Einen verknüpft: Gösta Berling. Im grauen November geradezu ein Farbschock: Alle Zeilen als synästhetische Wunder. Weiß sprechende Wolken, grün flüsternde Quellen, braun murmelnde Felsen. Unglaublich, dass es so viele Farben auf einer Blumenwiese, an einem Seeufer geben kann! Die Charaktere sind so eigen wie der immer wiederkehrende Sinnspruch über Gösta: „Gösta Berling, stärkster und schwächster unter den Menschen!“ Ein eigenwilliges Buch, das den Menschen und ein Land auf 390 Seiten zu 3 Euro Flohmarktsgebühr zu fassen vermag.
Total neutral.
Hardy, Thomas: Tess. München 2008.
Wenn ich auf der Suche nach Heimat alle paar Wochen die Republik im ICE durchstreife, neige ich im Vorhinein zum Kauf von Zugbegleitung: Fahrplandicke Schinken für die ewigen Stunden, die ich am Wochenende mit der Deutschen Bahn AG zu bestreiten habe. Vor einiger Zeit fiel die Wahl auf Thomas Hardys Tess. Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, ob mich der hübsche rote Einband oder der silberne Aufkleber „Weltliteratur für Anspruchsvolle für 5 Euro“ überzeugt hat. Doch das merkwürdigste ist: fertig gelesen sind die 570 Seiten, aber ich habe nicht viel zu sagen. Ein merkwürdiges Buch, das daherkommt und so ganz und gar keinen Eindruck zu hinterlassen scheint. Skandal! Bin ich durch die ganz alltäglichen Zugtragödien wie „210 Minuten Verspätung wegen Personenschaden“ und „Schinkensandwich hamwa nich“ schon so abgestumpft, dass mir einer der wichtigsten Frauenromane der Weltliteratur überhaupt nicht mehr nahegehen kann? Zählen Vergewaltigung, Kindstod, Seelenqual und Mord am Ende weniger als Verspätung, Kundenservice, Sitzplatznummer und Mobil – Das Bahnmagazin? Ich erinnere mich: Wie der ICE durch die Nacht sind meine Augen über die Zeilen geglitten. Umsteigen musste man wenig, Personalwechsel gab es keinen. Am Ende der Reise waren wir beide – Tess Durbeyfield und ich – im Paradies angekommen, nur dass mein Paradies noch ein „Jena“ davorstehen hatte. Doch je länger ich über Form und Inhalt des Romans grüble: Meine Gedanken dazu sind ähnlich neutral wie der Blick des Schaffners auf meine fast abgelaufene BahnCard. Und selbst wenn Tess in höchster Not aus der Kalesche ihres Verderbers springen will, bleibt mir doch nicht mehr zu sagen als: „Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“
Zum Gähnen nach Lissabon.
Mercier, Pascal: Nachtzug nach Lissabon. München 2006.
Als ich von meinem Ausflug mit Krausser nach Rom heimkehrte, wartete auf mich der 496 Seiten lange Nachtzug nach Lissabon. Dazu musste ich aber erst in den Zug nach Bern steigen um dort Gregorius zu treffen. Als gelernte Germaneuse dachte ich mir: Huh, Gregorius, klingt schwer nach Schuld und Buße. Das kann ja heiter werden. Aber eigentlich wartet nur ein grauer Mann, ein Philologe und Universalzauderer. Wäre er nicht Lehrer, wäre dieser Gregorius Sachbearbeiter in der Hauptabteilung Privatkunden Schaden. Pullunder und Cordhose stimmen. Seine Grammatikseele beißt sich am Leben der Anderen fest: Er verfolgt die Spuren Amadeu Inácio de Almeida Prados. Taumelt von einer Bekanntschaft zur nächsten, fragt hier und hört da zu, lernt etwas Portugiesisch und konsumiert die narzisstisch-schwülstigen Pamphlete Prados – des Goldschmieds der Worte. Dazwischen schneit es harmlose Liebesbeweise und Scheidungsgeschichten. Mich langweilt dieser Gregorius und mich langweilt dieses Lissabon. Mir fehlen Farbe und Leichtigkeit, alles ist dunkel und deprimierend. Modrig wie das Lyzeum, in dem Gregorius die schillernden Heldentaten Prados vor dem düsteren Hintergrund der portugiesischen Geschichte erleben will. Ich mag auch den Autor Mercier nicht sonderlich, denn selbst wenn wir gemeinsam festgestellt haben, dass die Gegenwart wenig Poesie zu bieten hat: diesen Rückschritt zu Langspielplatten und Buchfahrplänen und Telephonen haben wir nicht verdient. Die Manufactum-Intellektualität Mercies belastet mich ebenso wie die Endlosigkeit der Geschichte. Prados Leben wird geklärt und erklärt, denn er ist – charakterlich – in seiner Detailgenauigkeit vermutlich nichts weiter als ein Alter Ego Merciers. Gregorius wird im Regen vor einer Klinik stehengelassen. Er ist verdammt zu konsequenter Wirkungslosigkeit, zum Marionettentum, vor dem sich Prado/Mercier zeigen kann. Dabei ist das einzig Spannende an Gregorius die Frage nach einem Tumor in seinem Kopf. Aber nein, das zu klären wäre ja so etwas von konventionell. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Ansicht, dass ich die nächten 9,50 Euro nicht in ein Werk Mercies, sondern lieber in ein Flugticket nach Lissabon investieren sollte. Und das buche ich per Internet. Bei einer Billigfluglinie.
Auf verstörend schöne Freundschaft.
Krausser, Helmut: Melodien: Oder Nachträge zum quecksilbernen Zeitalter. Frankfurt/Main 1996.
Zeitgenössische Literatur und ich – wir sind eigentlich keine Freunde. Mein Kollege hat aber die Herausforderung angenommen und mich zu einer Freundschaft auf Probe überredet. Mit dem Autor Helmut Krausser. Nur widerstrebend lasse ich mich darauf ein – die bisherigen Rezensionen sprechen für sich. Wir bandeln gut an – wer 864 Seiten zusammenschreibt, hat im Preis-Leistungs-Spektrum immer schon einen Stein im Brett. Auch so steht unsere Beziehung unter einem guten Stern: Mir gefällt der Einstieg des Romans, die Story um Castiglio, den selbstherrlichen Tropator, den Schöpfer der Melodien, die die Welt bedeuten. Und um den trotteligen Andrea, der so gerne Damen zweifelhaften Rufs besucht. „Ein bisschen Umberto Eco vielleicht“, denke ich, sehe mich aber mit Blick auf das Entstehungsdatum – Anfang der Neunziger – getäuscht, Baudelino wurde erst 2000 geschrieben. Wunderbar – unsere Freundschaft baut nicht auf Plagiat auf, das freut mich und schon tauche ich ein in eine wiedergeborene Flut von Pastell- und Schmutzfarben, von Harfensäuseln und Knochenbrechen, von Rosenduft und Abfallgrube…Poesie ohne Ende. Mein Kumpel Krausser nimmt mich zusammen mit Castiglio an die Hand und überall mit hin. Er zeigt mir Unglaubliches und Banales, erklärt mir merkwürdige – menschliche – Sachverhalte. Ich bin richtig sauer, als er mich plötzlich loslässt und mit dem unbegabten Statisten Täubner und dem egozentrischen Professor Krantz in München 1984 sitzen lässt. Das ist so Dan Brown. Aber ich warte. Ich sitze es aus. Freue mich aber, als Krausser mich wieder abholt und dem Psychopaten Carlo Gesualdo vorstellt. Dann wieder Täubner, der jetzt immerhin schon in Rom angekommen ist. Dann lerne ich aber auch noch den bestialisch-gerechten Kastraten Antonio Pasqualini kennen und denke mir: „Krausser hat ganz schön coole Freunde. Den mag ich gern.“ Und je länger ich Zeit mit Täubner, Krantz und all den anderen Melodie-Besessenen verbringe, desto mehr denke ich mir: Vielleicht kann unsere Zeit zwar nicht poetisch, aber trotzdem interessant sein. Ich bin traurig, als Krausser seine Manuskripte einpackt und sich nach zwei Wochen verabschiedet. Aber bevor er geht, unternehmen wir noch etwas gemeinsam. Wir sitzen in Rom und summen gemeinsam ein Liedchen auf die Schönheit der Sprache, die Tiefe der Gedanken und unsere junge Freundschaft.
Lieben, Hassen, Sterben.
Zola, Émile: Thérèse Raquin. Roman, Leipzig 1973.
Ich bin heute beschwert worden. Ein Leser warf mir vor, dass ich nur schlechte Bücher lesen würde und er daher keinerlei Anregungen für seine Privatbibliothek erhalten würde. Dazu sage ich: Was kann ich dafür, dass nur schlechte Bücher geschrieben werden? Und: nicht alles ist schlecht. Ich ziehe heute nochmal nach und schicke Émile Zola ins Rennen. Als das Werk „Thèrèse Raquin“ vor rund 150 Jahren erschien, wurde der Autor fast gesteinigt: zu skandalös, zu grausam – ja zu pervers sei der Roman. Heute würde man sagen: Who cares? Doch auch wenn die Geschichte selbst – Ehebruch, Mord, Schuld und Sühne im Selbstmord – heute wohl nur noch schwerlich hinter dem Ofen hervorlockt, seine Faszination gewinnt der Roman durch die Schönheit der Sprache, die Gestaltung der Personen. Thérèse, ihr Gatte Camille, der Liebhaber Laurent und die Mutter und selbst die Tischgesellschaft sind nicht einfach konstruiert, sie sind bis ins Detail wahrhaftig. Jeder einzelne Charakter ist schmerzhaft real. Ihr Leiden oder das, das sie anderen verursachen – wird schmerzhaft real. Nichts wirkt gestellt, alles ist Natur. Ein schweres Stück und dennoch leicht durch das Menschsein der Profile. Das mag den Skandal ausgelöst haben: Es gibt kein schwarz und auch kein weiß, auch wenn das Werk vor Todsünden fast platzt. Das Urteil kann nur gut sein, Zola muss man lieben. Man kann ihn nicht hassen. Zum Sterben schön.