Jugendwahn.

Krausser, Helmut: Könige über dem Ozean. München 1989.

Strunk, Heinz: Fleisch ist mein Gemüse. Reinbeck 2004.

Zeh, Juli: Spieltrieb. Frankfurt/Main 2006.

Mit Entsetzen stelle ich fest, dass meine Jugend sich mir entrückt. Noch nicht einmal äußerlich – man fragt mich im Supermarkt meines Vertrauens noch immer beim Weinkauf nach meinem Personalausweis. Doch innerlich reizt es mich mehr und mehr, Dreizehnjährigen das Rituallärmen in öffentlichen Verkehrsmitteln zu untersagen oder jungen Germanistik-Bacheloreusen von Hartz IV und Dauerpraktika zu erzählen. Um mir meine eigene Jugend noch ein wenig zu bewahren, habe ich zu der anderer gegriffen. Dabei ist mir mein guter Kumpel Helmut Krausser begegnet. Diesmal stellt er vor: einen trostlosen Backgammonspieler, einen krebskranken Schwulen und eine nymphomanische Künstlerin. Wir rasen jugendlich beschwingt in den Süden und nach 187 Seiten ist einer tot. Ich habe den Roman nicht verstanden, ich konnte nicht. Vielleicht weil ich zu wenig trostlos, krebskrank, nymphoman bin. Daher suchte ich Rat bei Heinz Strunk. Er war mir ein besserer Freund und erzählte mir von Tanzkapellen, Schützenfesten, Akne conglobata, dem Mercur Disk 2 und anderen Geheimnissen des Lebens. Nicht eine der 256 Seiten möchte ich in meiner Vita wissen, denn für die schaurig schöne Lebenspoesie eines weiteren trostlosen Spielers bin ich nicht geboren. Ich fragte Juli Zeh um Rat und – Gott weiß! – ich suche sehr nach Jugend, wenn ich sie dazu befrage. Sie antwortete mir sehr ausführlich auf 568 Seiten. Sie stellt mir Ada und Alev vor, doch die beiden sind weder genial noch interessant. Doch ihre Geschichte hat hübsche, wahre Momente. Einige davon kenne ich. Und lächle mit milder, wissender Arroganz darüber.  Ist das die Weisheit des Alterns?

März 10, 2009. Jenaer Anthologie. Kommentieren.