Frau 3.3

Tremel-Eggert, Kuni: Sanna Spitzenpfeil. Roman. München 1936.

Tremel-Eggert, Kuni: Barb. Der Roman einer deutschen Frau. München 1936.

Gender-Studies mal anders: Was sagt eigentlich eine treudeutsche Schriftstellerin wie Kuni Tremel-Eggert zur Emanzipation der Frau? Deutsche Küche, Deutsche Kirche, Deutsche Kinder für den Führer? Was erwartet den Leser, wenn die Autorin noch 50 Jahre nach ihrem Tod einen Krieg zwischen ihrer fränkischen Heimat Burgkunstadt und der medialen Welt provozieren kann? Ich bin überrascht über ein fast modernes Frauenbild, in dem selbst Scheidung und Abtreibung als persönliche Entscheidungsfreiheit proklamiert werden. Klar, die Heldinnen der Romane entscheiden anders: Sanna zwingt sich zur Ehe, in der 262 Seiten lang mit jeder Vergewaltigung proportional die Anzahl der Kinder und des Hasses in der Familie wächst. Und auch Barb verlässt auf Seite 304 die Praxis des namenlosen Doktors in dem Zustand, in dem sie sich dorthin begab und bereut auch auf den kommenden 110 Seiten nichts. Die Entscheidung bleibt konservativ – liberale Ideen werden als  Option zuvor aber ins Gespräch gebracht. Großes Drama für einen Euro: Mit Sannas großer Liebe stirbt alles Gute in ihr, der Hass der Eltern bereitet den Tod der Tochter vor. Neutrale Zone für Eins fünfzig: Barb werden mehrere Lebenswelten zur Seite gestellt. Arm, aber um den Aufstieg bemüht: Die Pfennigshäuslerin. Robust und einfallsreich: Die Dotterweich. Dazu drei beste Freundinnen von sinnlich über dümmlich hin zu reichlich. Letzteres beendet die Bankenkrise anno 1929. Große Milieustudien, ein wenig Küchenpsychologie. Aber dennoch überraschend modern. Vom Fahnennähen in 1914 und 1933 mal abgesehen. Das zu würdigen überlasse ich dann doch der fränkischen Provinz.

Nachtrag im Mai 2009: Ich stehe vor einem Dilemma. Einerseits bin ich auf Forschungsliteratur  gestoßen, die meine Interpretation möglicherweise als zu unreflektiert abstraft. Andererseits denke ich mir: Hier schreibe ich, ich kann nicht anders! Daher das Angebot an alle Leser: nehmt einstweilen dies und wartet auf meine Promotion zum Thema – auf dass endlich mal Tageslicht ins braune Zeitalter kommt.

Januar 22, 2009. Giftschränkchen, Jenaer Anthologie.

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