Magmafilm vs. Kulturgeschichte.
Haarbeck, L.: Pfarrtöchterlein Gretel. Eine Geschichte für junge Mädchen. Konstanz XXXX.
Glaß, Luise: Gustel Wildfang. Stuttgart 1920.
Gemessen an allen unerzogenen Justins und Amelie-Leonies unserer Plattenbauten und Altbauwohnungen, sind Pfarrtöchterlein Gretel und ihr Backfisch-Pendant Gustel Wildfang wahre, brave Engel. Gretel ist zwar arbeitsabweisend und versucht aus lauter Eifersucht die verloren geglaubte Tochter ihrer Adoptiveltern umzubringen, aber – so sind Kinder eben. Am Ende wird in 180 Seiten aus ihr nach den Gesetzen der Kinderbuchtheorie des 19. Jahrhunderts ohnehin ein gutes Kind. Genauso vorhersehbar, wie aus dem wilden Backfisch Gustel, die auch mal ihre Pensionatskameradinnen der geheimen Näscherei anklagt, nach gut 324 Seiten aber ein liebes und gehorsames Eheweibchen wird. Aber ich will auch gar nicht über Werte meckern, denn das wahrhaft interessante bei solchen Schmökern ist immer die kulturgeschichtliche Komponente. Pensionate und was dort passierte kennt man heute nur noch aus den namhaften Produktionen von Magmafilm, Puaka- oder Muschivideo, die in den Ü18-Abteilungen der lokalen Videothek ihrer vitalen Kundschaft harren. Gestopft wird nach deren Lehrplan alles, nur nicht Strümpfe und sowohl Schüler als auch die Lehrkörper nehmen darin deutlich andere Stellungen ein als die Helden der keuschen Kränzchenkladden. Nicht nur der unglaublich günstige Flohmarktspreis von insgesamt 3,50 Euro rechtfertigt also das Anschaffen der zwei zierlichen Bändchen, die man Montagmorgen nicht mal zurück zum Verleih bringen muss.
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