Heiss mit Reis.

Mutzenbacher, Josephie: Joesphine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wiener Dirne von ihr selbst erzählt. St. Gallen 2006.

Tresmin-Trémolières: Yoshiwara. Die Liebesstadt der Japaner. Berlin 1920.

Wie jede ausgewählte Bibliothek verfügt auch die meine über ein kleines Giftschränkchen. Nicht alles darin ist  schädlich, es kommt wie immer auf die Dosis an. In diesem Falle habe ich dort gleich zwei Werke eingelagert, eins unkeuscher als das andere. Zur gut 100 Jahre alten Mutzenbacherin muss man wenig sagen: Zwischen frivoler Stimmung und trüber Sozialkritik kuschelt sich das kleine Alpenluder abends neben dich ins Bett. Es bleiben ganze 300 Seiten voller Bett-, Tisch- und Kelleraufgangsakrobatik, dann verabschiedet sich der verbalerotische Escort-Service. Allerdings zum hemmungslos günstigen Preis von 4,50 Euro – und das noch jungfräulich. Etwas exotischer wird es dann mit dem (selbsternannten?) Dr. Tresmin-Trémolières, der sich durch die Futons der der Tokyoter Freudenstadt Yoshiwara schläft – nicht aber, ohne die feinen Abgrenzungen Geisha, Prostituierte und Kurtisane zu verstehen. Das interkulturelle Betthupferl bleibt wider Erwarten ganz schüchtern und versteckt seine Reize hinter zahmen Andeutungen und einem feinen Fächer. Am nächsten Morgen und 286 Seiten später weiss man mehr über Aberglaube, Bauart von Teehäusern und Begräbnis der Damen als über das eigentliche Gewerbe. So schickst du das leicht ergraute Büchlein denn mit 3 Euro zurück auf die Strasse, drehst dich nochmal im Bett herum und freust dich, endlich mal wieder allein darin zu liegen.

November 19, 2008. Giftschränkchen, Jenaer Anthologie. Kommentieren.

Die Schwedenbibel.

Lagerlöf, Selma: Gösta Berling. Roman. Müchen 1997.
Ach ihr lieben Leser, ein hübscher Straßenbahnvertreib war mir Gösta Berling, Held des gleichnamigen (National-)Epos aus dem Halbhohen Norden. Seine Geschichte ist die einer Landschaft – des schwedischen Värmlands um 1820: ein abgesetzter Pfarrer, der mit seinen zwölf Kavalierskumpanen mithilfe des einen Bösen erst seine Gönnerin aus dem Hause jagt und anschließend dieses herunterwirtschaftet, nach vielen Abenteuern dann zum Retter der Armen wird. Ein Buch voller Melancholie, Parodie, Gewalt, Liebe und einer geradezu fragwürdigen Ironie: „War das Ironie? Wirklich? Ich denke schon.“ Gute Zeiten, schlechte Zeiten in 36 Kapiteln, die in ihrer empathischen Naivität und Prophetie auch problemlos in jede Bibel passen würden. Dazu noch Unmengen an Aberglauben, Sagen- und Feenhaftem – die hinter jedem Baum, in jeder Diele, unter jedem Bett lauern. Eine wenig gradlinige Handlung über vielleicht ein Jahr und einen Tag, viele Episoden, bunt durcheinander und doch wieder durch Einen verknüpft: Gösta Berling. Im grauen November geradezu ein Farbschock: Alle Zeilen als synästhetische Wunder. Weiß sprechende Wolken, grün flüsternde Quellen, braun murmelnde Felsen. Unglaublich, dass es so viele Farben auf einer Blumenwiese, an einem Seeufer geben kann! Die Charaktere sind so eigen wie der immer wiederkehrende Sinnspruch über Gösta: „Gösta Berling, stärkster und schwächster unter den Menschen!“ Ein eigenwilliges Buch, das den Menschen und ein Land auf 390 Seiten zu 3 Euro Flohmarktsgebühr zu fassen vermag.

November 9, 2008. Jenaer Anthologie. Kommentieren.