Pale Palin.
Palin as President. Einfach mal alles anklicken: Lichtschalter, Tür, Telefon…
Output erhöhen.
Ich habe mir Bestürzung festgestellt, dass in diesem Jahr nur wenige Bücher den Weg von Flohmarkt/Landesbibliothek/Bahnhofsbuchhandlung in meine Handtasche/Reisetasche/Schlaftstätte gefunden haben, um anschliessend angebetet/zerfetzt zu werden. Ich gelobe hiermit, weniger zu zocken/arbeiten/schlafen und stattdessen mehr zu lesen, um alle Leser dieser Welt auf gute Werke hin- und von schlechten Werken wegzuweisen. Ich gelobe mehr Output!
Total neutral.
Hardy, Thomas: Tess. München 2008.
Wenn ich auf der Suche nach Heimat alle paar Wochen die Republik im ICE durchstreife, neige ich im Vorhinein zum Kauf von Zugbegleitung: Fahrplandicke Schinken für die ewigen Stunden, die ich am Wochenende mit der Deutschen Bahn AG zu bestreiten habe. Vor einiger Zeit fiel die Wahl auf Thomas Hardys Tess. Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, ob mich der hübsche rote Einband oder der silberne Aufkleber „Weltliteratur für Anspruchsvolle für 5 Euro“ überzeugt hat. Doch das merkwürdigste ist: fertig gelesen sind die 570 Seiten, aber ich habe nicht viel zu sagen. Ein merkwürdiges Buch, das daherkommt und so ganz und gar keinen Eindruck zu hinterlassen scheint. Skandal! Bin ich durch die ganz alltäglichen Zugtragödien wie „210 Minuten Verspätung wegen Personenschaden“ und „Schinkensandwich hamwa nich“ schon so abgestumpft, dass mir einer der wichtigsten Frauenromane der Weltliteratur überhaupt nicht mehr nahegehen kann? Zählen Vergewaltigung, Kindstod, Seelenqual und Mord am Ende weniger als Verspätung, Kundenservice, Sitzplatznummer und Mobil – Das Bahnmagazin? Ich erinnere mich: Wie der ICE durch die Nacht sind meine Augen über die Zeilen geglitten. Umsteigen musste man wenig, Personalwechsel gab es keinen. Am Ende der Reise waren wir beide – Tess Durbeyfield und ich – im Paradies angekommen, nur dass mein Paradies noch ein „Jena“ davorstehen hatte. Doch je länger ich über Form und Inhalt des Romans grüble: Meine Gedanken dazu sind ähnlich neutral wie der Blick des Schaffners auf meine fast abgelaufene BahnCard. Und selbst wenn Tess in höchster Not aus der Kalesche ihres Verderbers springen will, bleibt mir doch nicht mehr zu sagen als: „Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“
Zum Gähnen nach Lissabon.
Mercier, Pascal: Nachtzug nach Lissabon. München 2006.
Als ich von meinem Ausflug mit Krausser nach Rom heimkehrte, wartete auf mich der 496 Seiten lange Nachtzug nach Lissabon. Dazu musste ich aber erst in den Zug nach Bern steigen um dort Gregorius zu treffen. Als gelernte Germaneuse dachte ich mir: Huh, Gregorius, klingt schwer nach Schuld und Buße. Das kann ja heiter werden. Aber eigentlich wartet nur ein grauer Mann, ein Philologe und Universalzauderer. Wäre er nicht Lehrer, wäre dieser Gregorius Sachbearbeiter in der Hauptabteilung Privatkunden Schaden. Pullunder und Cordhose stimmen. Seine Grammatikseele beißt sich am Leben der Anderen fest: Er verfolgt die Spuren Amadeu Inácio de Almeida Prados. Taumelt von einer Bekanntschaft zur nächsten, fragt hier und hört da zu, lernt etwas Portugiesisch und konsumiert die narzisstisch-schwülstigen Pamphlete Prados – des Goldschmieds der Worte. Dazwischen schneit es harmlose Liebesbeweise und Scheidungsgeschichten. Mich langweilt dieser Gregorius und mich langweilt dieses Lissabon. Mir fehlen Farbe und Leichtigkeit, alles ist dunkel und deprimierend. Modrig wie das Lyzeum, in dem Gregorius die schillernden Heldentaten Prados vor dem düsteren Hintergrund der portugiesischen Geschichte erleben will. Ich mag auch den Autor Mercier nicht sonderlich, denn selbst wenn wir gemeinsam festgestellt haben, dass die Gegenwart wenig Poesie zu bieten hat: diesen Rückschritt zu Langspielplatten und Buchfahrplänen und Telephonen haben wir nicht verdient. Die Manufactum-Intellektualität Mercies belastet mich ebenso wie die Endlosigkeit der Geschichte. Prados Leben wird geklärt und erklärt, denn er ist – charakterlich – in seiner Detailgenauigkeit vermutlich nichts weiter als ein Alter Ego Merciers. Gregorius wird im Regen vor einer Klinik stehengelassen. Er ist verdammt zu konsequenter Wirkungslosigkeit, zum Marionettentum, vor dem sich Prado/Mercier zeigen kann. Dabei ist das einzig Spannende an Gregorius die Frage nach einem Tumor in seinem Kopf. Aber nein, das zu klären wäre ja so etwas von konventionell. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Ansicht, dass ich die nächten 9,50 Euro nicht in ein Werk Mercies, sondern lieber in ein Flugticket nach Lissabon investieren sollte. Und das buche ich per Internet. Bei einer Billigfluglinie.