Bento gefällig?

September 29, 2008. Hat nichts zu tun mit.... Kommentieren.

Auf verstörend schöne Freundschaft.

Krausser, Helmut: Melodien: Oder Nachträge zum quecksilbernen Zeitalter. Frankfurt/Main  1996.

Zeitgenössische Literatur und ich – wir sind eigentlich keine Freunde. Mein Kollege hat aber die Herausforderung angenommen und mich zu einer Freundschaft auf Probe überredet. Mit dem Autor Helmut Krausser. Nur widerstrebend lasse ich mich darauf ein – die bisherigen Rezensionen sprechen für sich. Wir bandeln gut an – wer 864 Seiten zusammenschreibt, hat im Preis-Leistungs-Spektrum immer schon einen Stein im Brett. Auch so steht unsere Beziehung unter einem guten Stern: Mir gefällt der Einstieg des Romans, die Story um Castiglio, den selbstherrlichen Tropator, den Schöpfer der Melodien, die die Welt bedeuten. Und um den trotteligen Andrea, der so gerne Damen zweifelhaften Rufs besucht.  „Ein bisschen Umberto Eco vielleicht“, denke ich, sehe mich aber mit Blick auf das Entstehungsdatum – Anfang der Neunziger – getäuscht, Baudelino wurde erst 2000 geschrieben. Wunderbar – unsere Freundschaft baut nicht auf Plagiat auf, das freut mich und schon tauche ich ein in eine wiedergeborene Flut von Pastell- und Schmutzfarben, von Harfensäuseln und Knochenbrechen, von Rosenduft und Abfallgrube…Poesie ohne Ende. Mein Kumpel Krausser nimmt mich zusammen mit Castiglio an die Hand und überall mit hin. Er zeigt mir Unglaubliches und Banales, erklärt mir merkwürdige – menschliche – Sachverhalte. Ich bin richtig sauer, als er mich plötzlich loslässt und mit dem unbegabten Statisten Täubner und dem egozentrischen Professor Krantz in München 1984 sitzen lässt. Das ist so Dan Brown.  Aber ich warte. Ich sitze es aus. Freue mich aber, als Krausser mich wieder abholt und dem Psychopaten Carlo Gesualdo vorstellt. Dann wieder Täubner, der jetzt immerhin schon in Rom angekommen ist. Dann lerne ich aber auch noch den bestialisch-gerechten Kastraten Antonio Pasqualini kennen und denke mir: „Krausser hat ganz schön coole Freunde. Den mag ich gern.“  Und je länger ich Zeit mit Täubner, Krantz und all den anderen Melodie-Besessenen verbringe, desto mehr denke ich mir: Vielleicht kann unsere Zeit zwar nicht poetisch, aber trotzdem interessant sein. Ich bin traurig, als Krausser seine Manuskripte einpackt und sich nach zwei Wochen verabschiedet. Aber bevor er geht, unternehmen wir noch etwas gemeinsam. Wir sitzen in Rom und summen gemeinsam ein Liedchen auf die Schönheit der Sprache, die Tiefe der Gedanken und unsere junge Freundschaft.

September 22, 2008. Jenaer Anthologie. Kommentieren.

Phrasendreschen für Fortgeschrittene.

September 21, 2008. Hat nichts zu tun mit.... 1 Kommentar.

Lieben, Hassen, Sterben.

Zola, Émile: Thérèse Raquin. Roman, Leipzig 1973.

Ich bin heute beschwert worden. Ein Leser warf mir vor, dass ich nur schlechte Bücher lesen würde und er daher keinerlei Anregungen für seine Privatbibliothek erhalten würde. Dazu sage ich: Was kann ich dafür, dass nur schlechte Bücher geschrieben werden? Und: nicht alles ist schlecht. Ich ziehe heute nochmal nach und schicke Émile Zola ins Rennen. Als das Werk „Thèrèse Raquin“ vor rund 150 Jahren erschien, wurde der Autor fast gesteinigt: zu skandalös, zu grausam – ja zu pervers sei der Roman. Heute würde man sagen: Who cares? Doch auch wenn die Geschichte selbst  – Ehebruch, Mord, Schuld und Sühne im Selbstmord – heute wohl nur noch schwerlich hinter dem Ofen hervorlockt, seine Faszination gewinnt der Roman durch die Schönheit der Sprache, die Gestaltung der Personen. Thérèse, ihr Gatte Camille, der Liebhaber Laurent und die Mutter und selbst die Tischgesellschaft sind nicht einfach konstruiert, sie sind bis ins Detail wahrhaftig. Jeder einzelne Charakter ist schmerzhaft real. Ihr Leiden oder das, das sie anderen verursachen – wird schmerzhaft real. Nichts wirkt gestellt, alles ist Natur. Ein schweres Stück und dennoch leicht durch das Menschsein der Profile. Das mag den Skandal ausgelöst haben:  Es gibt kein schwarz und auch kein weiß, auch wenn das Werk vor Todsünden fast platzt. Das Urteil kann nur gut sein, Zola muss man lieben. Man kann ihn nicht hassen. Zum Sterben schön.

September 19, 2008. Jenaer Anthologie. 1 Kommentar.