Niger vs. Amazonas
Boyle, Thomas Coraghessan: Wassermusik. Hamburg, 1990.
Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt. Hamburg, 2005.
Daniel Kehlmann vs. T.C. Boyle ist im Gegensatz zu letzterer versufizierenden Kritik keine, die den größten Buchstabenvergewaltiger in Sachen Verschwörungstheorien krönen möchte. Auch ganz herausragende Werke vergleichbaren Inhalts – in diesem Falle wilde Entdeckungsreisen zu Beginn des 18. Jahrhunderts – lassen sich in einem freundschaftlichem Kräftemessen und frei von Konkurrenzdruck gegenüberstellen. Das Schöne daran ist, dass man sich am Ende auf keinen Sieger festlegen will oder muss oder sollte.
Wahl und Umgang mit ihrem Thema gestalten beiden Romanautoren nahezu identisch und dennoch individuell. In beiden Fällen sind die biographischen Daten der Reisenden nur vage Koordinaten für die unbändige Lust am Fabulieren. Profiliert Boyle seine Helden – den englischen Gauners Ned Rise und den schottischen Abenteurers Mungo Parks – so geschieht dies bis zu ihrer Begegnung in der sumpfigen Mündung des Niger durch das Gegenüberstellen grotesker Episoden, die den jeweiligen Charakter um so deutlicher hervortreten lassen. Auch Kehlmann beleuchtet bis zu ihrem finalen Zusammentreffen seine Protagonisten durch ihr gegensätzliches Wesen: der heimatverbundene und hochbegabte Misanthrop Gauß wird erkenntnistechnisch zum Zerrspiegel des stillen und verbohrten Individualisten Humboldt. Ironisch und unberechenbar, voller Anekdoten und Phantasmen spielen beide Autoren die Erwartungshaltung des Lesers gegen diesen aus. Denn nur zu oft ist der Leser geneigt, Kuriositäten wie die Mumienfreundschaft Alexander von Humboldts oder die Begegnung zwischen Mungo Parks und dem Shakespeare-Freund Johnson in der jeweiligen Biographie zu recherchieren. Beide Romane plätschern den Quellen von Niger oder Amazonas nicht einfach entgegen, sondern lassen den Leser gegen einen Strom von Worten mit reichlich skurrilem Treibholz anschwimmen. So sehr sich die Themen und deren Verarbeitung jedoch auch ähneln mögen – unterschiedliche Wege gehen die Autoren in Sprache und Umfang. Boyles 560-seitigem Epos steht Kehlmanns 304 Seiten umfassender Roman gegenüber, der sprachlich die deutsche Renaissance des Konjunktivs ausgelöst haben möge. Kehlmanns Demontage des Wissenschaftsmythos zielt vor allem auf die Charaktere: Sie sind – sicher mit Absicht – unscharf skizziert und dienen nur als Beilage in der raschen Menüfolge wissenschaftlicher Entdeckungen. Boyle hingegen verliert sich zuweilen in Details und Überformulierungen. Kehlmanns pointierte und zugleich distanzierende Erzählsprache ist ebenso angenehm lesbar wie die subtil-ironischen Wortgeflechte Boyles. Beide Werke sind in jedem Fall ein Gewinn für die erlesene Hausbibliothek, wobei einzig Kehlmann mein ganzes Herz durch die zarte Repoetisierung von Goethes „Ein gleiches“ gewonnen hat:
„Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.
Alle sahen ihn an.
Fertig, sagte Humboldt.“
Ich sag nur: Paris, Paris, Paris.
Bendek, István: Pariser Salons. Historischer Roman. Aus dem Ungarischen von Ita Szent-Ivány. Berlin 1982.
Laudatio auf die Studentenzeit: Eine Ewigkeit zum Lesen.
Epode auf die Arbeitszeit: Eine Ewigkeit um zu Lesen.
Wie das beigefügte Motto erahnen lässt: mit dem Arbeitsleben kommt die Zeit der literarischen Zeitlosigkeit. 800-Seiten Bücher werden nicht nur zur Lesens- sondern auch zur Lebensaufgabe für all diejenigen, die vor dem Einschlafen gerade noch drei bis fünf Seiten schaffen. Doch egal, auch für unsere heutige ungarisch-französische Schatzchimäre habe ich natürlich keine Lebenszeit gescheut und mich brav durch alle 814 Seiten buchstabiert. István Benedek (*1915 – †1996), seines Zeichens magyarischer Arzt und Romancier, wird den meisten nur aus der ungarischen Wikipedia bekannt sein. Auch wenn ich um die Gattung des historischen Romans allein wegen solch literarischer Lichtgestalten wie Rebecca Gable und Ken Follet gern einen gewaltigen Bogen mache, hat Benedek mit seinem 1969 erschienen Werk zumindest nicht zum weiteren Verfall dieser Form beigetragen. Die Umsetzung des gewaltigen Stofffundus† „Pariser Salons“ bewältigt der Autor mittels zeitgemäßer Sprache und zweier Textebenen. Vor allem zu Beginn der Handlung dominiert die „eine-gegen-alle-ich-bin-viel-schlauer-als-wie-ihr“-Emanzenebene, die wir an historischen Romanen so lieben. Widmet sich dieses erste Viertel der wild-romantischen Lebensgeschichte der Hauptprotagonistin Julie de Lespinasse, so wird die nachfolgende Textebene vor allem intellektuell deutlich wertvoller. Hier merkt man dem Autor an, dass er offenbar sehr gründlich die Briefwechsel der rund 300 konkret bekannten Persönlichkeiten im Paris um 1750 verfolgt haben muss. Die Stärken Benedeks zeigen sich daher auch nicht in der aufdringlich um Aufmerksamkeit buhlenden Lebensgeschichte der Lespinasse, sondern vielmehr in zahllosen kleinen oder weitschweifenden Anekdoten und Hintergrundberichten rund um die wichtigen Themen dieser Zeit. Der Leser wird ganz nebenbei auf unterhaltsame Weise mit den bekannten Werken und Gedanken eines Rousseau, Diderot, d’Alambert, Voltaire, Hume oder Marmontel im wahrsten Sinne des Wortes aufgeklärt. Die größten Stärken des Werkes – Komplexität und Vielfalt – sind jedoch auch seine größten Schwächen: Die Masse an Informationen, Namen und Daten erschlagen den Leser, der gerade als Arbeitnehmer sich vor dem Einschlafen den literarischen Universaldilettantismus von Ken Follet herbeisehnt. Wer diesem populistischen Ausverkauf jedoch ein Schnippchen schlagen will, der kann die veranschlagten fünf Euro hart verdienten Gehalts ruhigen Gewissens in das Antiquariat seines Vertrauens tragen.
Kleiner kalligrafischer Ausflug…

…bis zum nächsten Blog (ist in Produktion).