Ihmchen, dein Name ist Thekla

Polenz, Wilhelm von: Thekla Lüdekind, Roman, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart/Berlin/Leipzig, 1900.

Stolz und spröde, verschämt und passiv, naiv und sentimental, geduldig bis zur Selbstaufgabe und geboren dazu „ausgenutzt und weggeworfen“ zu werden: das sind im wesentlichen die Züge, die Wilhelm von Polenz seiner Protagonistin Thekla Lüdekind mit auf den 700 Seiten langen Roman gibt. Das Sittengemälde der wilhelminischen Ära ist eine literarische Chimäre an der Grenze zwischen der Kinder-Küche-Kirchen-Fraktion und den mehr oder minder erfolgreichen Bestrebungen moderner Frauenbewegung. Auch wenn dies der zentrale Dreh- und Angelpunkt des Werkes ist, wird er gleichsam eskortiert von ähnlichen Fragen, wie etwa die der Judenemanzipation oder der „Dienstbotenfrage“. Die adlige Sphäre, in welcher sich Thekla und die Ihren bewegen, vermittelt vor allem eines: das beständige Gefühl von Beklemmung und Unfreiheit derjenigen, die sich als Frau unter das Joch der Ehe spannen lassen. Das System trägt sich dabei wie von selbst. Gottes Grundfesten und menschliches Recht werden auch von denen, die darunter leiden, als Evas Erbe akzeptiert. Alternative Lebenskonzepte wie „Jungfernstand“, „wilde Ehe“ oder gar „Scheidung“ lauern als Schauergeister der Unmoral hinter jeder Frau, denen es tunlichst auszuweichen gilt. Wilhelm von Polenz gelingt es, ein überaus eindrückliches Bild von der Frauensituation und möglichen Lösungswegen seiner Zeit zu zeichnen, das vor dem Profil seiner Protagonistin jedoch sehr verwaschen wird. Sie ist zu naiv, zu weichlich, zu keusch, zu rührig, zu liebend und letztlich auch zu adlig in ihrer Lebensart, um am Ende der Option „Scheidung“ als Heldin zu gelten. Sie bleibt vor allem eines – ein Weichei, dem man als Leser beständig zubrüllen möchte: „Wehr dich doch mal und mach endlich dein Maul auf!!!“ Viel trägt dazu auch die Sprache des Romans selbst bei. Erlebnisbericht und treffende Urteile korrespondieren mit langatmigen und erkünstelt wirkenden Elegien des Dichters über Frauenliebe und Mutterherz, welche – insofern sie das Profil Theklas stützen sollen – hier unsympathisch bis zum Fremdschämen wirken. So fehlt dem Realisten auch hier das Maß der Poesie, alles wirkt trocken, und wo nicht trocken, da schleimig. Da mit dem Ausleihen aus den örtlichen Beständen der Thüringer Landesbibliothek diesmal keinerlei Investitionskosten entstanden sind, lohnt sich das Lesen schon aus Prinzip. Da der Roman jedoch insgesamt nicht an Polenz‘ – dem bäuerlichen Milieu eher entsprechende – prosaische Auslegung des „Büttnerbauern“ heranreicht, sei diesem der Vorzug gegeben.

Dezember 25, 2007. Jenaer Anthologie. 1 Kommentar.

Mehr Spaß zu Viert.

Alcott, Louisa May : Little Women. Penguin Popular Classics, 1994.

Gerade in Zeiten hemmungsloser Emanzipation und sozialer Kälte lohnt sich ein Blick in die Literatur um 1850. Trautes Familienleben mit klaren Strukturen, schlichten Wahrheiten und protestantischem Arbeitsethos weisen auch dem Leser von „Little Women“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Louisa May Alcott den richtigen Weg im Sinne Eva Hermans. Als eines der populärsten englischsprachigen Kinderbücher überhaupt verdankt „Little Women“ seinen Erfolg der gelungenen Entwicklung der Unarten seiner vier Hauptprotagonistinnen. Eingebettet in die Zeit des Bürgerkriegs, in dem jede Frau ihr Wertvollstes geben sollte – nämlich ihren Gatten – , begleitet der Leser die vier Mädels gleichsam durch ihr Pflichtjahr von Dezember bis Dezember. So pubertieren sich die zu Träumerei und Mode neigende Meg, die jungenhafte und aufbrausende Jo sowie ihre beiden kleinen Schwestern „timid Beth“ und „selfish Amy“ nur mit mütterlichem Beistand versehen, durch die rund 200 Seiten. An der Schwelle zum Entwicklungs- und Bildungsroman verfolgt die Erzählung nicht nur das Familienleben zwischen Pflichten, Rechten und gemeinsamer Freizeitgestaltung, sondern fokussiert in Einzelkapiteln die jeweiligen Unarten der Mädchen und dokumentiert die Verwandlung der Individualität hin zur Konformität. Tugenden wie Fleiß, Bescheidenheit, maßvolles Auftreten oder Selbstaufgabe stehen am Ende dieses Entwicklungsprozesses, der die Mädchen zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft ihrer Zeit macht. Die Autorin bleibt dem von ihr zum Ende des Buches hin propagierten Bildungsideal vom lachenden Lernen ohne Zeigefinger dabei durchaus treu: Situationskomik und Ironie lockern die Passagen auf, die aufgrund ihrer fast lächerlich anmutenden Selbstkasteiung den heutigen Leser sehr befremden. Die sprachliche Aufmachung als Jugendbuch ermöglicht zudem den leichten Einstieg in den englischen Originaltext. Insgesamt hat das Werk mit 3,10 Euro den bisher gesteckten Finanzrahmen um 210 % überstiegen. Für Liebhaber der Literatur des 19. Jahrhunderts mit all ihren Rüschen, Schleifen, Spitzenkragen und Hausfrauenattitüden loht sich diese jedoch Ausgabe in jedem Fall.

Dezember 5, 2007. Jenaer Anthologie. 2 Kommentare.