Ich, der Herrgott und mein Zahnstocher
Axel Hambraeus: Der Pfarrer in Uddarbo – Das Lied von einem Freund, Aus dem Schwedischen übertragen von Alfred Otto Schwede, 2. Auflage, Berlin 1962.

Auch diese Woche hat uns der Flohmarkt wieder ein kleines Schatzkästchen an die Ufer Skandinaviens gespült. Und erneut befinden wir uns in der Kategorie: Ich und mein Herrgott. Diesmal in der Variation ich, mein Herrgott und mein Zahnstocher. Doch zunächst eine kurze inhaltliche Zusammenfassung, diesmal darf der Kladdentext für sich selbst sprechen: „‚Du hast mich damals gerufen. […] Und du bist vor mir hergegangen und in die Welt hinausgesandt.‘ So betet Gustaf Ömark im Sterben und umschreibt damit seines Lebens innersten Sinn. […]‚Ich brauchte dir nur zu folgen‘, Nachfolge Christi im 20. Jahrhundert also, gelebt im einfältigen Gehorsam, kompromißlos, nüchtern, wahrhaftig.“ Vor allem den Teil mit dem einfältigen Gehorsam muss man sowohl nüchtern als auch wahrhaftig hervorheben. Gustaf Ömark, freikirchlicher Prediger und später aus Gewissensgründen (sic!) Diener der Staatskirche mit Kaffeesucht und Herzproblemen, streift auf 345 Seiten durch Schweden, die USA und wieder durch Schweden, immer auf der Suche nach verlorenen Schäfchen. Die findet er gemäß den Gesetzen der Romantheorie natürlich erst nach längerer Zeit und mit viel mehr Aufwand als z. B. seinen Zahnstocher. Womit die drei wesentlichen Leitmotive auch schon benannt wären: Die Suche nach Schäfchen, dem Herrgott und dem Zahnstocher. Vor allem letzterer hat vermutlich nicht unwesentlichen Anteil an der Aussage des Kladdentextes, dass es in diesem Buch „viel zu schmunzeln und manchmal auch herzhaft zu lachen“ gibt, ein Einschätzung, die allerdings etwas vorschnell getroffen wurde. Die meisten der witzig gemeinten Episoden bieten daher mehr Anlass zum Fremdschämen als zum herzhaften Lachen. Das scheint man anno 1957 anders gesehen zu haben: Nach umfangreichen Recherchen auf der schwedischen Wikipedia stellte sich heraus, dass die Vorlage unter gleichem Titel mit Max von Sydow als Gustav Ömark in eben diesem Jahr verfilmt worden ist. Das wäre sicher mal ein lohnenswerter Beitrag für ein Screening. Doch weiter im Text: auch wenn der Roman in Hinblick auf Naivität, Gottvertrauen und Sekundärschämen sicher seinesgleichen sucht und deutliche Defizite aufweist, ist er vom handwerklichen her sicher nicht der schlechteste seiner Gattung. Die Figuren sind, wenn auch teils recht stereotyp (so z.B. die spröde Schöne, der Bigotte mit dunkler Vergangenheit), so doch stringent angelegt. Wie die Brautwerbung oder die Geschichte um Direktor Alsing und Gäs-Fröken zeigt, werden einzelne Handlungsketten durchgängig verfolgt und halten den Gesamttext fest zusammen. Die Geschichte ist daher insgesamt – wenn auch nicht in allen Punkten – durchaus unterhaltsam. Wie auch bei unserem letzten Schatzkästchen sind vor allem die Schilderungen der unterschiedlichen Lebenswelten Schwedens in der Zeit bis kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs positiv hervorzuheben. Sprachlich wird auf umständliche Formulierungen und Worthülsen verzichtet, strukturell unterstützt eine einfache und klare Wortwahl den Anspruch auf Einfältigkeit. Die sich wie im Stakkato abwechselnden und aufgrund ihrer Kürze zum Teil kryptischen Dialoge bilden hingegen einen reizvollen Kontrast zu den monologlastigen Passagen: ‚Captain Subtext‘ suggeriert uns hier, dass Gott nicht nur unsere Herzen, sondern auch unseren Mund öffnet. Als rhetorisch sehr gelungen müssen daher einzelne Ausschnitte aus Ömarks Predigten bezeichnet werden. Etwa siebzig bis achtzig Cent sollten niemanden reuen, der einen gemütlichen Sonntagnachmittag mit Kirchkaffee, Eierpfannkuchen und einem Zahnstocher verbringen möchte.
Vom Dänenland in Gottes Hand
Ingeborg Maria Sick: Der Hochlandspfarrer, Übersetzung aus dem Dänischen von Pauline Kleiber, 1. Auflage, Stuttgart 1918.
Schatzkästchen finden sich auf Flohmärkten für etwa einen Euro. Manchmal bergen sie jedoch keine Schätze, sondern nur ein wenig streng-lutheranischen Sternenstaub aus dem hohen Norden. Der Hochlandspfarrer, so der Titel, der auch in die Schriftreihe Hedwig Courths-Mahlers passen würde, zeichnet sich daher auch weniger durch eine geistreiche Handlung als vielmehr durch geistlichen Habitus aus. Die eigentliche Historia ist daher auch recht kurz. Sie liebt ihn, aber auch das Gesellschaftsleben. Er liebt sie, aber auch sein Pfarramt. Verlobung nach Hindernissen. Gelöste Verlobung ihrerseits ohne Angabe von Gründen. Er zieht allein ins Hochland und missioniert sich 13 Jahre durch ein Kirchspiel am Polarkreis. Kommt vom Schäfchenzählen nach Hause und findet sie auf einem Stein sitzend. Große Szene: Wir haben uns selbst gefunden und nun können wir uns und Jesus lieb haben. Während die Nebenfiguren zum Teil recht überzeugend gestaltet sind und zum Teil gewisse humoristische Lebensechtheit ausstrahlen[1], verblassen die beiden Hauptprotagonisten durch entweder versuchten oder aber verinnerlichten pietistischen Charme. Was wirken soll wie ein Fieberrausch der Gefühle, entpuppt sich daher am Ende eher als Untertemperatur. In Kombination mit den überaus zahlreich vorhandenen erbaulichen Versen[2] und langatmigen Predigtausschnitten des Pfarrers, kann daher die Dramatik des eigentlichen Geschehens nicht wirklich fesseln. Die Mehrheit der Handlungsstränge verzieht sich in der Regel zu langatmigen „Ich will ja, aber ich kann/darf nicht!“- Dialogen. Bleibt die Ursache für die Auflösung der Verlobung durch das anonym bleibende „dänische Fräulein“ bereits während der Handlung im Dunkeln, so wird der Leser dahingehend auch am Ende enttäuscht: Die magere Handlung verwahrt sich vermutlich prinzipiell einer schlüssigen Erklärung, so bleibt am Ende nur noch der stilistische Kunstgriff: „Und dann, – dann merkte ich, – dann wurde es mir klar, – dann bekam ich Todesangst, daß – nein, nein, – nun muß ich flüstern, und du darfst es nicht gehört haben…“ Was denn auch ohne Rücksicht auf den Wissensdurst des Lesers geschieht. Reizvoll hingegen nehmen nicht nur die Naturdarstellungen der nordnorwegischen Landschaften, sondern auch einige Betrachtungen zu dem gesellschaftlichen Umfeld der Zeit aus. Die Sprache ist wenn schon nicht als gewählt, so doch als genehm zu bezeichnen. Insgesamt verhindert – auch unter Berücksichtigung der historischen Bedingtheit des Werkes – die überaus frömmlerische Grundhaltung eine positive Aufnahme des Werkes. Interessenten sollten daher nicht mehr als 45 Cent in dieses Nordlicht investieren.
[1] “Für mich ist es immer wie ein Sterben, wenn ich von Halfdan getrennt bin, ob es nun Tage, Stunden oder Minuten sind.“ „Darauf antworte ich überhaupt nicht,“ sagte die Konsulin. „Ich bin zwei Jahre als Braut in Kopenhagen gewesen, ohne Hallanger öfter als jedes Frühjahr einmal zu sehen, aber ich habe mir nie eingebildet, daß ich darüber zu beklagen gewesen wäre.“ S. 201.
[2] Vgl S. 16 „Nicht tauschte ich, welkend, die Todespein,/ Für Leben und blüh’nde Gesundheit ein.“ oder aber S. 171 „Auch die großen Heil’gen haben/ Adams Fleisch und Kleider an!“
Gute Bücher, schlechte Bücher
Allen aufmerksamen Lesern dieses Blogs wird sicher nicht entgangen sein, dass ich in letzter Zeit etwas unregelmäßig geschrieben habe. OK, es war ein ganzes Jahr, aber ich war auch schwer beschäftigt. Unter anderem damit, meinen Abschluss zu machen. Wer da jetzt glaubt: „Das kann ich auch und in weniger als einem Jahr!“, dem sei versichert – als Student der Geisteswissenschaften ist das eine absolut legitime Zeit, um Magisterarbeit und Prüfungen runterzureissen. Während der wilden Vorbereitungen für so anspruchsvolle Prüfungsgebiete wie „Mediävistische Literaturwissenschaft“ oder „Kunstgeschichte“ hat sich eine Strategie zur Vorbereitung immer wieder bewährt: LESEN, LESEN, LESEN. Nach nur gut 6 Jahren des Studiums ist das denn auch vermutlich die einzige Tätigkeit, die ich ganz exzellent beherrsche. Um dem ganzen ein wenig den Selbstzweck zu nehmen, werde ich in den kommenden Blogs mal versuchen, das eine oder andere literarische Schatzkästchen zu dokumentieren. Dieses Vorhaben deckt sich ganz gut mit dem Leistungsportfolio meines Partnerblogs „runtimeerror“: da die Welt mehrheitlich nicht aus Comics besteht, sehe ich hier Ergänzungspotential und nachhaltige Synergieeffekte.
Äch bän wäder da!
Los mit bloggen gehts morgen früh, denn heute ist ja bekanntlich Feiertag.